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Vietnam - wir werden dich vermissen

Vietnam - wir werden dich vermissen


Der Zug rattert und ruckelt als gäbe es kein Morgen, stetig akquirieren wir mehr Verspätung. Gegen Mitternacht beginnt die ältere vietnamesische Mitreisende, die mit ihrer achtjährigen Enkelin das 60 cm breite Zugbett im vierer Abteil teilt, Karaoke am Handy zu singen. Gegen 2 Uhr befindet sie, es ist genug geübt und schaltet auf Radio um.

Töchterleins Flipflops stehen vor unserem Hotelzimmer bereit bis sie an den Füßen der netten vietnamesischen Touristen am Strand an uns vorbei schlappen. Gemütlich geht es Richtung Felsen und Meer, ein Selfie hier und Selfie da. Mit offenem Mund starren wir ihr hinterher, Töchterlein rast zu unserem Hotelzimmer: tatsächlich, ihre Schuhe sind weg, die der Damen noch da. Wir bitten höflich um Rückgabe nach Gebrauch und so werden die Flipflops nach dem Abendspaziergang gewaschen zurückgestellt. Mein, dein - das sind doch bürgerliche Werte ;)...

Auch das Gefilmtwerden, das subtile gemeinsame Fotografieren, wenn die Nachbarliege immer näher rutscht, das Peacezeichen gehoben wird und die gesamte Reisegruppe ein Foto möchte, wird uns fehlen.

Überhaupt, wer wird uns in Europa ermahnen, bei 45 °C einen Pulli anzuziehen, als Sonnen und Windschutz? Wer geht in Deutschland mit Schnorchel, Taucherbrille und Regenmantel baden? Wer trägt zu rotem Lippenstift eine Pudelmütze am tropischen Strand? Wer fährt mit Nacken-, Handrücken- und Wangenschutz Roller aus Angst vor dem bräunenden Effekt der Sonne?

Wer holt, von ganz tief unten, genüsslich, langsam, mehrmals pro Stunde sein innerstes nach oben, um es mit einem Flatsch auf die Straße zu spucken oder wahlweise aus der Nase zu schnäuzen? Im Zug hören wir die gleichen Geräusche, die sowohl Weiblein als auch Männlein lautstark beherrschen und wagen nicht den Gedanken zu Ende zu denken, wo denn hier das grün-weiße Spucke-Päckchen landen mag...

Auch erkennt man ein gutes Straßenrestaurant nicht nur an seinen bunten Plastikhockern, dem großen Andrang, sondern auch an den Müllhaufen, die gekonnt an den untere jedem Tisch stehenden Mülleimer vorbei auf die Straße, den Gehweg, des Nachbarn Schuhe, unter, neben, auf den Tisch plaziert werden. Hier vereinen sich Knochen, Gräten, Servietten, die bereits erwähnten Rotzbrocken, Zahnstocher (sehr wichtig!) zu einem Festmahl für allerlei Klein- und Kleinsttiere. Nach dem größten Ansturm wir zusammengekehrt und der Müllhaufen am Abend stolz an seiner Größe gemessen, bevor er zusammen mit Plastiktüten verbrannt wird (Plastikflaschen werden übrigens von den Müllsammlern gerne genommen und gegen einen Kilopreis Plastik auf Müllhalden eingetauscht).

Wir liegen bei Couchsurfing Hosts im eigens für uns geräumten Zimmer, wägen uns dem Schlaf nahe, bis die zehnjährige Tochter um 23.00 Uhr nochmals (ohne Klopfen) zu uns wuselt, um bei Neonlicht ein wenig Lego zu spielen. Die kleine Schwester nutzt die Gelegenheit und kommt zu uns ins Bett, nicht etwa zum Kuscheln, sondern um Trampolin zu hüpfen.

Ein andres Mal, im 13. Stock in Saigon, liegen wir auf dem blanken Fliesenboden, das Kopfkissen sind unsere Kleider und atmen im Chor der Schreibtischlampe mit 20 anderen Familienmitgliedern. Fünf der zwölf Kinder kommen zusammen, um die Pflege des kranken Vaters und eines Bruders in den Krankenhäusern zu übernehmen. Ist man müde, schläft es sich überall.

Im Bus fahren wir durch das tropische Gewitter, das die Landstraßen kniehoch überspült. Draußen kämpfen sich die Rollerfahrer tapfer vorwärts, drinnen wird es einem Jungen schlecht. Eine Frau steht auf, macht sich zum Aussteigen bereit, rutscht bei einer Vollbremsung auf dem nassen Boden aus, fällt hin, steht wieder auf, gibt dem Busfahrer eine schallende Ohrfeige, bevor sie in das Lachen der Mitfahrenden einstimmt. Ungläubig staunend und zitternd im Klimaanlagen-Winter beobachten wir die Szene. Ganz alltäglich in Asien.

Aus dem Land der Brustwarzenaufheller-Cremes und der Gesichtsweißer zurück zu den Bräunungscremes und künstlichen Sonnenteint-Lotions.

Das sind unsere Geschichten in Vietnam, Geschichten, die das Leben schrieb und die wir um nichts auf der Welt missen möchten. Darum und aus 1000 anderen Gründen ist es nicht einfach, nach Hause zu gehen.

10.06.2019
Hier findest du alle Infos und laufende Reiseberichte zu Veras Weltreise 2018/19.

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