Familienkost in Finnland

Wir freuen uns sehr, dass wir Karen aus Finnland für diesen Gastbeitrag gewinnen konnten. Euch gefällt ihre Art zu schreiben? Auf ihrem Blog Suomalainen Päiväkirja gibt es noch viele weitere spannende Beiträge rund um den finnischen Alltag.

Ohne Salz. Ohne Fett. Ohne Zucker.

Ich sag’s gleich mal vornweg: wegen des Essens sind wir ganz bestimmt nicht nach Finnland ausgewandert.

Essen in Finnland hat weniger mit Genuss zu tun. Essen in Finnland soll vor allem der Gesundheit dienen - und ist streng reglementiert.

Am Anfang konnten wir noch nicht so viel falsch machen. Babys werden voll und nach Bedarf gestillt, mindestens bis sie vier Monate alt sind, aber gern auch, bis sie sechs Monate alt sind. Sollte sich das Baby allerdings ein bisschen schwertun mit der normgerechten Gewichtszunahme – und das taten sich alle unsere Kinder, die genetisch nicht darauf getrimmt sind, jedes aufgenommene Gramm Fett sogleich zur Lebenserhaltung unter arktischen Bedingungen in Babyspeck umzusetzen – dann wird man doch von der Neuvolatante, die für alle Vorsorgeuntersuchungen im Vorschulalter zuständig ist, eher sanft dazu gedrängt, lieber früher als später mit Beikost anzufangen.

Beikost heisst: pürierte Sachen.
Der empfohlene Klassiker zur Beikosteinführung: zermantschte gekochte Kartoffel mit ein wenig Muttermilch. Sieht aus wie Pappmaché, schmeckt wie Pappmaché und ruft beim Baby erwartungsgemäss keine Begeisterungsstürme hervor. Soll aber gesund sein. Beim zweiten Kind widersetzte ich mich der Empfehlung. Das zweite Kind bekam als erstes Möhrenbrei - was sich angesichts seines Beikostbeginns im späten Herbst insofern als tückisch erwies, als dass wir erst im Mai des Folgejahres die Möhrenflecken wieder aus diversen Kinder- und Erwachsenenkleidungsstücken herausbekamen: vorher gab es keine Möglichkeit, die Wäsche draussen in der Sonne trocknen und bleichen zu lassen. Beim dritten Kind pfiff ich sogar auf die Warnung, niemals als erste Beikost Obst zu geben, weil das Kind dann nie wieder Gemüse essen würde. Das dritte Kind bekam als erstes Birnenbrei. (Und ass zwei Wochen später problemlos Brokkoli-Kartoffel-Brei.)

Wenn das Baby sich daran gewöhnt hat, Pappmaché… äh… Kartoffeln zu essen, diverse Gemüse- und Obstsorten probiert hat, darf es mit fünf Monaten zum ersten Mal essen, was es vorzugsweise sein Leben lang zum Frühstück essen sollte: Puuro. Getreidebrei. Mit Wasser angerührt, ungesüsst, ungesalzt. Dem Baby darf man zur Geschmacksverbesserung ein bisschen Obstbrei hineinrühren, der Erwachsene isst seinen Puuro üblicherweise höchstens mit einem Klecks Erdbeermarmelade.

Brei selbst kochen kam für mich nicht in Frage. Wir kauften Breigläschen und Puuropulver. Da war ich zum ersten Mal froh über die strengen Kein-Salz-kein-Zucker-Regeln: ich musste nicht stundenlang die Packungsbeilagen studieren. Im Urlaub in Deutschland stand ich etwas ratlos vor den vielfältigen Gläschen und Milchbreipulverpäckchen, die alle hauptsächlich aus Zucker zu bestehen schienen. Sehr froh war ich auch über die kleinen 125g-Gläschen, in denen hier der Obst- und Gemüsebrei für Beikostanfänger verkauft wird. Auch bis die alle waren, brauchten wir manchmal drei Tage – aber 250g-Gläser hätte ich immer teilen und einfrieren müssen. Es gibt in finnischen Supermärkten auch keine speziellen Tees oder Säfte für Babys. Zum Essen bekommen Babys entweder Muttermilch (bzw. Muttermilchersatz) oder Wasser. Find‘ ich gut.

So mit zehn bis zwölf Monaten isst ein finnisches Kind vom Familientisch mit.

Und ich hörte auf, darüber Auskunft zu geben, wann und was unsere Kinder essen. Ich nickte freundlich lächelnd zur Empfehlung, zum Essen stets nur fettfreie Milch zu reichen, und kaufte mindestens Halbfettmilch. Ich nickte freundlich lächelnd zur Empfehlung, dem ersten Kind, das bis heute äusserst zierlich ist, Rapsöl in den Puuro zu mischen, um die Gewichstzunahme ein bisschen zu beschleunigen, und zeigte der Neuvolatante innerlich einen Vogel. Ich hörte mir freundlich lächelnd von der Zahnärztin, die die Zähne unserer jeweils einjährigen Kinder zählte, an, wie wichtig es sei, dass die Kinder Süssigkeiten ausschliesslich am Süssigkeitentag bekommen - dachte dabei an die vielen erwachsenen Finnen, die unter der Woche auch nie einen Tropfen Alkohol trinken, sich dafür aber freitagnachts bis zur Besinnungslosigkeit besaufen - und reichte zu Hause ungerührt Schokoladenstückchen und Gummibärchen, wann immer die Kinder zu einer vertretbaren Zeit und in einer vertretbaren Menge danach fragten.

Ein Finne nimmt am Tag fünf Mahlzeiten zu sich - zwei davon warm – und schätzungsweise zehn Tassen Kaffee; jedenfalls halten die Finnen schon seit Jahren den Weltrekord im Kaffeeverbrauch.

Zum Frühstück gibt es entweder Puuro, oder Roggenbrot mit Käsescheiben, Gurken und Tomaten. (Einmal trafen wir in einem litauischen Motel eine finnische Familie, die, völlig verzweifelt angesichts der Frühstückskarte, die sich bog von süssen Croissants über Toast mit Honig und Marmelade bis zu Pfannkuchen mit Vanilleis, die Kellnerin anflehte, ob man ihnen nicht einfach ein paar kleingeschnittene Tomaten und Gurken bringen könne.) Dazu Kaffee oder - fettfreie, versteht sich - Milch.

Mittagessen gibt es zeitig, zwischen elf und zwölf. Ausser warmem Essen (Fisch / Fleisch, Beilage, Gemüse) gehört zum Mittagessen auf jeden Fall frischer Salat und Butterbrot. (Wobei es sich beim Butterbrot gewöhnlich um Margarinebrot handelt, das Fleisch vorzugsweise in durchgedrehter Form angeboten wird und das Essen so sparsam gewürzt wird, dass es nach gar nichts schmeckt.) Dazu getrunken wird Wasser oder Milch, manchmal Kotikalja, eine Art Malzbier. Kaffee und Kuchen gelten als angemessener Nachtisch, gibt es aber nicht immer. (Wenn aber ein Kind z.B. einen Geburtstagskuchen mit in den Kindergarten bringt, dann wird der nach dem Mittagessen gemeinsam gegessen, nicht zum Frühstück oder zum Vesper.) Donnerstags gibt es traditionell Erbsensuppe und zum Nachtisch Pannukakku (Eierkuchen / Pfannkuchen aus dem Ofen) mit Marmelade.

Gegen zwei bekommen zumindest die Kindergartenkinder eine kleine Zwischenmahlzeit, die mal aus Joghurt, mal aus Obstgrütze, mal aus einem Stück Pizza oder einem Wurstbrötchen bestehen kann, dazu wie immer fettfreie Milch. Die Erwachsenen begnügen sich zu dieser Uhrzeit meist mit Kaffee.

Gegen fünf, wenn die ganze Familie aus dem Kindergarten, aus der Schule und von Arbeit heimgekommen ist, gibt es die für eine finnische Familie wichtigste Mahlzeit: warmes Abendbrot. Wenn man mal den Spielplatz ganz für sich allein haben möchte, dann sollte man gegen 17 Uhr hingehen – fluchtartig verlassen alle den Spielplatz fürs Abendbrot. Unter der Woche ist das für viele Familien die einzige Mahlzeit, die sie gemeinsam einnehmen; gerade kleine Kinder frühstücken oft erst im Kindergarten. Finnisches Abendbrot unterscheidet sich nicht vom Mittagessen, und mir ist es bis heute ein Rätsel, wie gerade die meist voll arbeitenden finnischen Eltern diese Kocherei schaffen ...

Vorm Schlafengehen isst man dann nochmal eine Scheibe Brot mit Käse oder Wurst, mit Tomaten und Gurken, oder auch nur einen Joghurt. Getrunken wird – genau! – fettfreie Milch oder Wasser. Und manch einer schafft es sogar, kurz vorm Schlafengehen noch eine Tasse Kaffee zu schlürfen ...

In der Kindergartengebühr sind alle Mahlzeiten enthalten (also Frühstück, Mittagessen, Vesper; bei Kindergärten mit Abendbetreuung bis 22 Uhr auch das warme Abendbrot), man muss seinen Kindern keine Brotbüchsen oder gar Lunchpakete packen. Viele finnische Kinder leiden unter Laktoseintoleranz, Milchunverträglichkeit, sind allergisch auf Ei / Birnen / Nüsse…, manche Kinder sind Vegetarier, manche dürfen aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen. Alles kein Problem, die Kindergartenküche plant das ein. In der Schule gibt es ein kostenloses Mittagessen.

Zu den Tischmanieren gehört - rein theoretisch - dass man sich Guten Appetit wünscht und erst dann anfängt zu essen. (Rein praktisch ist es meist so, dass jeder anfängt, sobald er sich sein Essen auf den Teller geladen hat.) Aufessen wird von Kindern nicht erwartet, wohl aber Probieren – und auch das Einschätzen des eigenen Appetits. Schon im Kindergarten darf jedes Kind für jeden Essensbestandteil angeben, ob es davon „Viel“, „Wenig“ oder „Zum Probieren“ auf seinen Teller möchte. Wer fertig ist mit Essen, sagt „Danke!“ und räumt sein Geschirr selbst weg. Sich das Essen selbst von einem Buffet oder direkt aus den Töpfen in der Küche zu holen und sein Geschirr hinterher selbst vom Tisch zu räumen, ist – mit Ausnahme der wenigen À-la-carte-Restaurants - überall üblich, sogar bei privaten Essenseinladungen.

In unserer Familie gibt es übrigens weiterhin Honigbrot zum Frühstück, Kakao aus Halbfettmilch und nur einmal am Tag warmes Essen. Dafür esse ich durchaus ganz gern mal Erbsensuppe, das grosse Kind liebt geschredderten Eisbergsalat und Gurkenscheiben, das mittlere Kind Pannukakku, das kleine Kind isst sowieso alles. Und der Mann trinkt gern mal Kotikalja. Und wenn wir uns doch einmal zu sehr nach einem anständigen Schnitzel, einer gut gewürzten Suppe oder einem richtigen Stück Kuchen sehnen, dann gibt es das ja immerhin schon im südöstlichen, nur eine kleine Schiffsreise entfernten, Nachbarland.

Finnisches Essen
Finnisches Essen, wie es aussehen sollte (samt Salat und Brot)

Essensschlange
Essensschlange (man beachte, dass ALLE ein Glas Milch auf ihrem Tablett haben)

Milchpackung
Finnische Milchpackung

Broschüren zum Thema Baby-/Kleinkindernährung
Finnische Broschüren zum Thema Baby-/Kleinkindernährung